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Pflanzenporträt: Rainfarn – eine vergessenen Gartenpflanze

Auf den gelben Blüten des Rainfarn sitzt ein Schmetterling.

Von Juni bis September präsentiert der Rainfarn seine leuchtend goldgelben Blütenköpfe. Auffallend ist, dass der Korbblütler ohne die typischen Zungenblüten daherkommt; im Blütenkörbchen sitzen nur die gelben Röhrenblüten. Die robuste Blütenstaude eignet sich durchaus für den Ziergarten, vor allem wenn man etwas für die Insekten tun will. Der strenge Geruch, der für viele Menschen eher unangenehm erscheint, ist für Insekten anscheinend unwiderstehlich. Vor allem Schwebfliegen, aber auch Honigbienen, Wildbienen und Wespen interessieren sich für Pollen und Nektar. Auch als Futterpflanze ist er für viele Schmetterlingsraupen attraktiv und einige Insekten wie der Rainfarn-Blattkäfer oder die Rainfarn-Weichwanze tragen sogar seinen Namen. Früher fand man den Rainfarn häufig im Bauerngarten, da er traditionell in vielen Bereichen Anwendung fand.  

Rainfarn in der früheren Volksmedizin: giftiges Wurmkraut

Der Rainfarn (Tanacetum vulgare) wurde früher trotz seiner Giftigkeit als Heilpflanze eingesetzt. Die heilkundige Äbtissin Hildegard von Bingen (1098-1179) widmete ihm in ihrem Buch sogar ein umfangreiches Kapitel: Bei Husten, Schnupfen und Magenbeschwerden empfiehlt sie Rainfarn in Suppen oder in Kuchen verarbeitet. Rainfarnsaft mit Wein vermischt sollte „das Harnverhalten lösen“.

Das Hauptanwendungsgebiet im Mittelalter war jedoch die Nutzung als Wurmmittel, daher die alten Namen Wurmkraut, Wurmfarn oder Wurmtod. Dazu wurden die gelben Blüten in Milch oder Wein ausgekocht. Der Botaniker Hieronymus Bock (1498-1554), der die Röhrenblüten des Rainfarns für Samen hielt, schrieb: „Der Samen von dem Rainfarn ist ins Geschrei gekommen, dass er mit Honig und Wein getrunken, die Würm soll austreiben, die Bauchschmerzen stillen, und den Schweiß austreiben.“ Auch der Schweizer Kräuterpfarrer Künzle (1857-1945) empfiehlt Rainfarntee zum Vertreiben der Würmer und bei Magenkoliken.

Eine Tinktur aus dem Kraut nutzte er äußerlich gegen Furunkel. In Öl ausgezogen nahm man den Rainfarn als Einreibung gegen Rheuma und Gicht. In der Volksmedizin galt der Korbblütler auch als Frauenkraut, das die Menstruation auslösen sollte.

Heute wird die Pflanze nicht mehr arzneilich eingesetzt, da sie im ätherischen Öl giftige Stoffe wie beispielsweise Thujon enthält. Thujon besitzt neurotoxische Eigenschaften. In höheren Dosen wirkt der Rainfarn sogar abortiv! Alte Überlieferungen deuten darauf hin, dass die Pflanze früher tatsächlich als Abtreibungsmittel eingesetzt wurde.  

Der Rainfarn blüht üppig im Garten. © Rudi Beiser

Die gelben Blüten des Rainfarn wurden früher vielseitig eingesetzt.

Bitterer Rainfarn wurde in Kuchen eingebacken – heute zu Glück nicht mehr

Man muss sich wundern: Trotz Giftigkeit wurde der Rainfarn früher gerne in Kuchen und Eierspeisen eingebacken. Man nutzte dazu die jungen, aromatisch riechenden Blätter im Frühling. Vor allem in England waren Gebäcke, Pfannkuchen und Pudding mit Rainfarn sehr beliebt.  Der Teig wurde mit Rainfarnsaft aromatisiert und grün gefärbt. Die traditionellen Osterspeisen, in denen unglaubliche Mengen an Eiern Platz fanden, trugen sogar den Namen des Rainfarns und wurden „tansycake“ genannt (tansy=Rainfarn). Vermutlich basiert der Brauch auf einem alten Frühjahrskult, den es in ähnlicher Form ja auch mit anderen Frühlingspflanzen wie Gundermann, Giersch oder Brennnesseln gab. Der Genuss der Frühlingkräuter sollte das ganze Jahr über vor Krankheiten schützen! Die Frühjahrskulte wurden nach der Christianisierung auf Ostern übertragen. Nun orientierte sich dieses traditionelle Ostergebäck mit dem bitterschmeckenden Rainfarn am jüdischen Paschafest, wo mit bitteren Kräutern an die Bitternis der ägyptischen Sklaverei erinnert wird.

Die grünen Blätter des Rainfarn sind gefiedert. © Rudi Beiser

Heute nicht mehr zu empfehlen: Die jungen Rainfarnblätter wurden gerne in Speisen verarbeitet.

Solche Rainfarn-Frühjahrsspeisen wurden anscheinend auch im mittelalterlichen Deutschland zubereitet. So schreibt der Arzt Tabernaemontanus (1522-1590): „Es ist auch der Rainfarn mit anderen mehr Kräutern in die Kuchen kommen/ dann die Köche und Hausmütter sammeln das Rainfarnkraut im Frühling wenn es noch jung ist/ und machen mit zerklopften Eiern/ darin sie das Kraut klein zerschnitten vermischen/ gute Eierkuchen daraus/ die sind lustig zu essen/ erwecken den Appetit zur Speiß!“ Da die Blätter aufgrund der enthaltene Sesquiterpenlactone sehr bitter schmecken, wurden sie vermutlich sparsam eingesetzt. Bei der geringen Dosierung als würzende Zutat war eine Giftwirkung nicht unbedingt zu erwarten. Trotzdem ist davon abzuraten, den Rainfarn heute noch kulinarisch einzusetzen. 

Färbemittel und biologischer Pflanzenschutz

Neben der medizinischen und „kulinarischen“ Nutzung war der Rainfarn in der Pflanzen-Färberei sehr beliebt: Zusammen mit dem Beizmittel Alaun wird ein dunkelgelber Farbstoff erreicht.

Die gelben Korbblüten werden hier von ein paar Insekten besucht. © Rudi Beiser

Wenn Sie Rainfarnblüten in Wasser aufkochen, können Sie Stoffe damit in einem tollen Gelbton färben.

Außerdem traute man ihm zu, dass er lästige Insekten fernhält. Selbst gegen Kopfläuse und Flöhe wurde das Kraut eingesetzt. In den 1940er Jahren gab es sogar noch Mückenschutzmittel auf der Basis von Rainfarn. Das kommt nicht von ungefähr, denn die Pflanze enthält insektizid wirkende Stoffe. Deshalb wird sie noch heute im biologischen Gartenbau gegen Blattläuse, Weiße Fliegen und Ameisen eingesetzt. Dazu werden 50 g Rainfarn in 1 Liter Wasser aufgekocht und 15 Minuten ziehen gelassen. Dabei lösen sich das thujonhaltige ätherische Öl sowie Bitterstoffe, die den Schädlingen das Leben schwer machen. Dann wird der Sud 1: 10 mit Wasser verdünnt über die befallenen Pflanzen gesprüht.

Anscheinend wirken schon die Ausdünstungen des Rainfarns schädlingsvertreibend: Eine Studie ergab, dass die Mischkultur von Rainfarn mit Kartoffeln, die Kartoffelkäfer-Population um 60 bis 100 Prozent verringerte.

Gut gegen Gewitter und bösen Zauber

Vermutlich war der Rainfarn schon bei unseren germanischen und keltischen Vorfahren eine wichtige Zauber- und Abwehrpflanze. Darauf weist vor allem die weit verbreitete Nutzung im Kräuterbüschel hin (Maria Himmelfahrt; 15. August). In manchen Gegenden hieß der Rainfarn deshalb „Muttergottesrute“. Der ursprünglich heidnische Brauch der Kräuterbüschelweihe wurde im 9. Jahrhundert in den Marienkult überführt. Der Rainfarn war eine der Hauptpflanzen in dem Büschel, der vor allem zur Abwehr böser Geister und zum Schutz vor Blitzeinschlägen genutzt wurde. In manchen Gegenden hieß der Rainfarn „Donnerkraut“ oder „Blitzkraut“. Dies weist auf eine Verbindung zum germanischen Donnergott Donar hin.

Auch zum Räuchern wurde Rainfarn eingesetzt: So heißt es im Jahre 1485 im Buch „Gart der Gesundheit“, dass der Rainfarnrauch „alle bösen Gespenster des Teufels“ von Kindern fernhält. Die Kinder wurden dazu über den Rauch gehalten. Unters Kopfkissen wurde er vorsichtshalber gelegt, um nachts die Hexen fernzuhalten.

Außerdem wurden Rainfarnsträuße oder -kränze in die Särge gelegt. Möglicherweise hatte die Staude, die früher auch häufig auf Friedhöfen gepflanzt wurde, eine kultische Bedeutung beim Tod. Als Abwehr- und Schutzkraut sollte der Rainfarn den Übergang in die „andere Welt“ begleiten.

 

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Bildquellen

  • rainfarn-im-garten: © Rudi Beiser
  • rainfarn-blaetter: © Rudi Beiser
  • bluehender-rainfarn: © Rudi Beiser
  • rainfarn-mit-schmetterling: © CC0 / Ihtar

Rudi Beiser, Jahrgang 1960, beschäftigt sich schon seit 40 Jahren mit Heil- und Wildkräutern. 13 Jahre lang führte er einen Naturkostladen. Danach betrieb er 20 Jahre lang die von ihm gegründete La Luna Kräutermanufaktur, wo hochwertige Kräutertees in Demeter-Qualität produziert wurden. Sein reichhaltiges Wissen über Pflanzen und seine langjährigen Erfahrungen dazu gibt er heute als Dozent an verschiedenen Instituten und als erfolgreicher Buchautor weiter.

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