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CO2-Bilanz von Lebensmitteln – Klimaschutz mit dem Einkaufszettel?

Ein langer Tisch ist gedeckt und mit Essen und Getränken beladen, um den Tisch sitzen Personen und essen gemeinsam.

Neben Methan, Lachgas und fluorierten Treibhausgasen zählt laut Umweltbundesamt (UBA) mit knapp 88 Prozent vor allem Kohlendioxid (CO2) zu den klimaschädlichen Gasen, die jährlich in Deutschland entstehen. CO2 kommt hauptsächlich durch Verbrennungsvorgänge zustande, doch spielen auch die Produktion sowie der Konsum von Waren und Dienstleistungen eine erhebliche Rolle. Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg sieht daher die Chance, mit dem Einkaufszettel das Klima zu schützen: „Man geht davon aus, dass der ganze Komplex Lebensmittel und Ernährung ungefähr 20 Prozent der klimaschädlichen Gase ausmacht.“ Viele Umweltschützerinnen und -schützer fordern aus demselben Grund eine CO2-Bilanz von Lebensmitteln. Diese könnte helfen zu erkennen, wie viel jedes Produkt zur Belastung des Klimas beiträgt.

CO2-Bilanz von Lebensmitteln – was sagt sie aus?

„CO2-Bilanz“, „Treibhausgasbilanz“, „CO2-Ausstoß“, „CO2-Fußabdruck“ oder „Carbon Footprint“: Es gibt viele Begriffe, um die Klimaschädlichkeit von Produkten oder bestimmten persönlichen Handlungsweisen darzustellen. Vereinfacht sagt eine CO2-Bilanz aus, wie viel CO2 insgesamt direkt und indirekt bei der Produktion einer Ware oder Dienstleistung entsteht. Folgende Faktoren werden berücksichtigt:

  • die Herstellung inklusive Vorprodukte
  • die Verarbeitung und Verpackung der Lebensmittel inklusive Entsorgung beziehungsweise Recycling der Verpackungen
  • Transporte und Lagerung im Handel

Auf Lebensmittel übertragen macht die Angabe von CO2-Emissionen also die Klimabilanz einzelner Produkte sicht- und vergleichbar. Und das könnte so manches Mal doch durchaus praktisch sein. Denn wer kennt Situationen wie diese nicht: Sie stehen vor dem Regal mit den Eiern, haben die Wahl zwischen Bio-Erzeugnissen aus Holland und Bodenhaltung aus der Region – und stellen sich die Frage, was nun klimafreundlicher ist.

Kurzer Exkurs: CO2-Äquivalente

Die Sonne erwärmt die Erde und der Boden gibt die Wärme wieder in die Atmosphäre ab. Treibhausgase schließlich reflektieren die Wärme, sodass diese sich auf der Erde hält. Der natürliche Treibhauseffekt ist der Grund dafür, dass auf der Erde nicht mehrere Minusgrade herrschen. Das Problem ist allerdings, wenn es zu viel der Treibhausgase gibt: Dann wird es – wie jetzt im Zuge des Klimawandels – immer wärmer.

CO2 zählt zu jenen Gasen, die die Wärme besonders effektiv reflektieren. Daher wird das Erwärmungspotenzial aller Treibhausgase in CO2-Äquivalenten angegeben. Diese sagen aus, wie viel eine bestimmte Masse eines anderen Treibhausgases (z. B. Methan) im Vergleich zur selben Masse CO2 zur Erderwärmung beiträgt. Die Angabe erfolgt meist in Kilogramm CO2-Äquivalent pro Kilogramm Lebensmittel.

Kühe stehen im Morgenlicht auf der Weide. © CC0 / Lukas Hartmann

Der Methanaustoß von Kühen nimmt Einfluss auf die Klimabilanz der tierischen Produte.

Der CO2-Fußabdruck von Butter und Rindfleisch ist hoch

Einen Überblick erhalten Verbraucherinnen und Verbraucher beispielsweise durch eine Studie des Instituts für Energie und Umweltforschung Heidelberg gGmbH (ifeu). Knapp 200 Lebensmittel hat das ifeu ausgewertet. Die Spannweite reicht von frischem Spinat (0,2 kg CO2-Äq./kg Lebensmittel) über Wintertomaten aus dem beheizten Gewächshaus aus Deutschland (2,9 kg CO2-Äq./kg Lebensmittel) bis hin zu Rindfleisch (13,6 kg CO2-Äq./kg Lebensmittel).

Dass Fleisch in Sachen CO2-Emission mit zu den Spitzenreitern zählt, ist vielen Verbraucherinnen und Verbrauchern bereits bekannt. Überraschend dürfte hingegen die Bio-Butter sein, die mit 11,5 kg CO2-Äq./kg Lebensmittel nur knapp dahinter liegt. Was man in Bezug auf Zahlen wie diese jedoch nicht außer Acht lassen sollte: Ein 300-Gramm-Steak ist schnell gegessen, 300 Gramm Butter hingegen eher nicht.

CO2-Bilanz von Lebensmitteln: Ein kompliziertes Unterfangen mit vielfältigen Aspekten

Ein unabhängiges CO2-Label ist ein kompliziertes Unterfangen, wie Armin Valet weiß: „Es kommt auf so viele Aspekte an: den Transport, das Lebensmittel an sich und die Lagerung.“ Weiterhin sei bedeutend, wie viel Wasser und Kunstdünger die Anzucht verbrauche und welche Stoffwechselprodukte bei tierischen Erzeugnissen entstünden.

Valet berichtet von einem anschaulichen Beispiel: „Es ging um Bio-Brokkoli, tiefgefroren aus Ecuador. Das entsprechende Unternehmen konnte Berechnungen vorweisen, die zeigten, dass das Produkt mindestens mithalten kann mit einem Brokkoli aus Spanien. Dieser wird nämlich mit dem Lastwagen nach Deutschland transportiert. Denn ein voller Schiffstransport ist deutlich besser für die CO2-Bilanz eines Lebensmittels als ein Lastwagen.“ Weiterhin herrschten in Ecuador durch die Höhenlage der Anbaugebiete sehr gute Verhältnisse. Dadurch seien mehr Ernten im Jahr möglich als in Spanien. Valet spricht sich daher für ein offizielles Klimalabel aus, das Faktoren wie diese berücksichtigt.  

Ein Containerschiff fährt in einen Hafen ein. © CC0 / Martin Damboldt

Die CO2-Bilanz von Lebensmitteln hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab – der Transport ist einer davon.

Bisher gibt es keine offizielle, unabhängige Institution für die Erstellung von zuverlässigen CO2-Bilanzen im Bereich der Lebensmittel. Ebenso fehlt ein einheitliches Verfahren. Der grundlegende Ansatz ist meist, die Emissionen über die Produktionsabschnitte eines Lebensmittels hinweg zu ermitteln und zu summieren. Zwar erläutert auch das ifeu in seiner aktuellen Studie die Methodik der Bilanzierung. Für Fachexterne bleibt es jedoch schwierig, die jeweiligen Vorgehensweisen zu bewerten und einzuschätzen.

Für wen ist das Thema klimafreundliche Ernährung besonders wichtig?

Bereits 2013 forderte die Partei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN einen fleischlosen Tag in Kantinen. Im August 2020 legte der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE) der Bundesregierung einen Vorschlag zur CO2-Kennzeichnung von Lebensmitteln vor. Und auch in der Wirtschaft gewinnt das Thema klimafreundliche Ernährung laut Armin Valet an Bedeutung. Neben einzelnen Cateringfirmen arbeiten Initiativen wie KlimaTeller an einer CO2-Kennzeichnung für Gerichte.

Klimafreundliche Ernährung – das Projekt KlimaTeller

Klimafreundliche Küche für alle ist das Ziel des Projekts KlimaTeller. Um dieses Ziel zu erreichen, arbeitet der Verein mit dem Greentable e. V. und der Organisation Eaternity zusammen. „Auf dem KlimaTeller werden die Emissionen halbiert“, erklärt Jana Koltzau, Mitarbeiterin im Projekt KlimaTeller. „Das bedeutet, dass auf dem KlimaTeller nur Zutaten liegen, denen insgesamt vom Acker bis in die Küche nur die Hälfte der Emissionen einer vergleichbaren Portion zugerechnet werden.“ Die Berechnung der CO2-Emissionen der jeweiligen Gerichte erfolgt mithilfe einer App als Web-Anwendung im Browser.

Kritik an der CO2-Bilanz von Lebensmitteln

„Individuelle CO2-Label für viele Produkte sind weder sinnvoll noch verlässlich. Ausnahmen können Produkte aus großen Anbaugebieten mit weiten Transportwegen und einheitlicher Verpackung sein, zum Beispiel Kaffee“, erklärt Prof. Dr. Rainer Grießhammer, Senior Adviser beim Öko-Institut e. V. und Autor des Buchs #klimaretten. Die Schwierigkeit: Verbraucherinnen und Verbraucher erhalten Informationen über die Klimaschädlichkeit eines Produkts, den Tier- und Umweltschutz klammert eine solche Kennzeichnung unter Umständen jedoch aus.

Dieses Problem zeigt sich besonders deutlich bei Bio-Lebensmitteln. Zwar haben diese für den Tier- und Umweltschutz Vorteile. Verbraucherinnen und Verbraucher bräuchten aber tiefergehendes Wissen, um einschätzen zu können, wie klimaschädlich das jeweilige Bio-Erzeugnis ist. Ein CO2-Label könnte in dieser Hinsicht verwirren. Denn beispielsweise haben Öko-Betriebe in der Regel vergleichsweise weniger Ertrag pro Fläche. Gleichzeitig können ökologisch bewirtschaftete Böden jedoch meist mehr Kohlenstoff aufnehmen – um nur einen Aspekt diesbezüglich zu nennen.

Hände überprüfen die angebauten Zwiebeln. © CC0 / Gustavo Fring

Haben diese Bio-Zwiebeln eine bessere CO2-Bilanz als konventionell angebaute Zwiebeln?

Für wirklich sinnvoll hält Prof. Dr. Grießhammer Durchschnittsangaben für Lebensmittel: „Da würde ausreichen, wenn Handelsgeschäfte einfach ein Plakat dazu aufhängen.“ Größeres Potenzial sieht er jedoch vor allem an anderer Stelle. Beispiele sind das Reduzieren von (besonders innerdeutschen) Flügen, das Fahren kleinerer Autos mit geringerem Verbrauch, spritsparendes Fahren und die Nutzung von Carsharing. Der Umstieg auf den ÖPNV oder das Rad sowie das Einsparen von Heizenergie und Strom kommen hinzu. Auf diese Weise könne man jeweils mehrere Hundert Kilogramm CO2 pro Jahr sparen.

CO2-Bilanz von Lebensmitteln: Tipps für den Lebensmitteleinkauf

„Man kann – und das ist jetzt für interessierte Verbraucher, die keine Experten sind – vier Punkte nennen: Das ist der regionale, der saisonale, wenn es geht der Bio-Einkauf und letztlich so wenig wie möglich tierische Lebensmittel“, empfiehlt Armin Valet. Wer auf diese vier Aspekte achtet, macht bereits das Maximum, was möglich ist, um mit dem Einkaufszettel die Umwelt zu schützen.

Regional

Produkte aus der Region punkten oftmals durch kurze Transportwege. Wie groß der Einfluss dieser auf den CO2-Fußabdruck sein kann, zeigt sich am Beispiel der Ananas: Wird die Ware mit dem Flugzeug transportiert, kommen laut ifeu-Studie auf eine Ananas 15,1 kg CO2-Äq./kg Lebensmittel, während sie als Schiffsware lediglich 0,6 kg CO2-Äq./kg Lebensmittel einspielt. Doch nicht nur im Handel ist es essenziell, wie das Produkt in den Supermarkt kommt. Auch Verbraucherinnen und Verbraucher sind in dieser Hinsicht gefragt, z. B. indem sie nicht mit dem SUV zum Bio-Bauern oder zum Brötchenholen fahren. Denn beim Einkaufen mit dem Auto verschlechtert sich die Klimabilanz des Einkaufs deutlich. Und das ist völlig unabhängig davon, wie die Lebensmittel produziert wurden.

Karottten, Lauch und Kartoffel liegen auf einem Marktstand aus. © CC0 / Peter Wendt

Auf dem Wochenmarkt finden Sie viel regionales Obst und Gemüse, das keine langen Transportwege hinter sich hat.

Saisonal

Wer zusätzlich auf saisonales Obst und Gemüse setzt, kann den CO2-Fußabdruck des eigenen Einkaufs weiter senken. Zwar können beispielsweise Äpfel aus der Region stammen – handelt es sich dabei aber um Lagerware, schlägt sich das auf die Klimabilanz nieder. Armin Valet verweist darauf, dass man Äpfel bei einer Temperatur von null bis fünf Grad lagern muss. Der Sauerstoff im Lager wird dafür reduziert und dies erzeugt schädliche Treibhausgase. Je länger der Apfel im Lager liegt, desto schlechter ist die Gesamtbilanz entsprechend.

Pflanzlich

Der CO2-Ausstoß liegt bei tierischen Produkten wie Milch, Fleisch, Butter und Käse in der Regel höher als der von pflanzlichen Erzeugnissen. Einige dieser tierischen Produkte lassen sich sogar gut durch Pflanzenprodukte ersetzen: Statt Milch können Verbraucherinnen und Verbraucher auf Hafermilch und statt Butter auf Margarine zurückgreifen. Wurst und Käse lassen sich durch vegane Brotaufstriche ersetzen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem herzhaften Zucchini-Aufstrich, einer süßen Nuss-Nougat-Creme oder einem zünftigen veganen Mett?

 

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Bildquellen

  • kuehe-auf-der-weide: © CC0 / Lukas Hartmann
  • containerschiff: © CC0 / Martin Damboldt
  • bio-anbau-zwiebeln: © CC0 / Gustavo Fring
  • regionales-gemuese: © CC0 / Peter Wendt
  • familienessen: © Waschbär

Stefanie Schweizer arbeitet als freie Texterin. Eigentlich ist sie studierte Literaturwissenschaftlerin, doch schlägt ihr Herz auch für Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Besonders angetan haben es ihr die grünen Fragen des Alltags und das Gärtnern auf engem Raum.

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